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Texte

Aus Leben geschöpft und in Worte gegossen
Der Geschichtengießer und Die-Zeit-zusammen-Näherin




Der Schwur

Ja, ich erinnere mich an sie, sagt Conny.
Sie hatte ein unglaubliches Tempo und einen überschäumenden Forscherdrang.
Sie war so zart und träumerisch, so voller Fantasie und Wissensdurst. Sie war noch ein sehr kleines Kind, als sie beschloss, dass ihre Herzenswünsche für immer unerfüllbar bleiben sollen.

Für das, wonach sie sich am meisten sehnte, wollte sie alles tun, damit es unentdeckt und unerfüllt bleibt.
Wird ein Traum davon dennoch wahr, soll er augenblicklich nie ein Herzenswunsch gewesen sein, das hat sie mir als ihr großes Geheimnis anvertraut.
So bleibe die Unerfüllbarkeit erhalten und der Schwur ungebrochen.








Januar 2011

Elisabeth kommt jetzt wieder jede Nacht. Manchmal ist Paul dabei. Sie bleiben die ganze Nacht und Lisa findet keine Ruhe.
Nein, diesmal braucht Elisabeth keine Hilfe, es ist nur so, dass sie da sein will. SIE will. Dabei sein. Mitreden. Mitentscheiden. So als wäre nie etwas geschehen, das dieses Da-Sein unterbrochen hätte.


•∞•∞•


Lisa: "Schau hinaus, die Farben haben sich verändert"
Conny: "Nein, es ist dein Schauen auf die Dinge, deine Wahrnehmung der Farben, die sich verändert hat."


•∞•∞•


Elisabeth ist zurückgekehrt.
Hilfeheischend steht sie dort am Bett in Erwartung, dass Lisa das Bett bezieht. Lisa ist todmüde und meint, es könne doch diesmal von den anderen gemacht werden. Elisabeth hört gar nicht zu. Lisa geht in das Nachbarzimmer.
Als sie zurückkehrt, hat Elisabeth schon die Zudecke frisch bezogen. Nanu, so schnell? Mit anklagend vorwurfsvollem Blick schaut sie Lisa an und stöhnt. Lisa fühlt den stummen Vorwurf lanzenscharf. Aber sie sagt nichts. Sie kennt diese beklemmende Atmosphäre.
Alles was sie ab jetzt sagt, kann gegen sie verwendet werden.


•∞•∞•


"Ich bin frei."
Du bist wirklich und unumkehrbar frei.
"Ich bin tatsächlich frei."
Du kansst es lesen, du kannst nachschauen.
"Ich bin frei ich bin frei ich bin frei!"
Du bist wirklich und wahrhaftig frei. Du kannst es fühlen. Du kannst jetzt spüren, wie sich Freiheit anfühlt.
Du DARFST dich freuen, wenn du Freude spürst und diesen Schatz nicht länger vor der Bedrohung verbergen.







Dezember 2010

"Dinge, die man als Kind geliebt hat, bleiben im Besitz des Herzens bis ins hohe Alter.
Das schönste im Leben ist, dass unsere Seelen nicht aufhören an jenen Orten zu verweilen, wo wir einmal glücklich waren.

"Klingt das nicht wundervoll?" seufzt Conny. "Die Worte sind von Khalil Gibran."


"Und wo kann ICH verweilen?" fragt Lisa.






November 2010

10.11.2010

Lisa ist in den Ort gefahren, ihre Freundin Anni will sich mit ihr dort treffen. Da ist sie ja - sie hat ihre Freundin erkannt, diese sucht gerade einen Parkplatz.
"Ich gehe schon mal vor in den kleinen Laden, der nach Annis Geschmack ist", denkt Lisa.
Dort ist es voll. Irgendwoher kennt sie diese Frau, auf die ihr Blick gefallen ist. Anni kommt herein und die beiden kennen sich offenbar gut und beginnen ein Gespräch miteinander.
Lisa bleibt außen vor. Ein Gefühl von schmerzhafter Enttäuschung macht sich in ihr breit, anmerken lässt sie es sich nicht. Die beiden verlassen das Geschäft, Lisa folgt ihnen wie ein Anhängsel in einigem Abstand.
An der Ampel holt sie sie ein und ruft Anni zu zu: "Wohin geht IHR jetzt?"
Anni dreht sich zu ihr um, in dem Moment wird sie von einem riesigen Lastwagen erfasst und ins Gulli geschleudert. Daraus schießt eine Wasserfontäne und der Gegensog hält Anni unter Wasser fest.
Ohne Zögern rennt Lisa auf die Straße vor die Autos, fuchtelt wild mit den Armen und schreit mühevoll aber viel zu leise:
"Rettungswagen - rufen Sie einen Rettungswagen!"
Sprintet zum Gulli, zieht Anni an den Haaren heraus und hängt sie bäuchlings über ihre Arme, damit das Wasser aus ihr rausläuft. Unmengen von Wasser quellen aus Annis Mund.
Ob sie am Leben bleibt, ist ungewiss. Lisa ist halb wahnsinnig vor Angst um das Leben ihrer Freundin.






Irgendwo dazwischen


Was verbergen diese Narben, fragt Conny. Wunden verblassen doch wie Erinnerungen.

Es ist diese Leere, die sich nicht diesen Hoffnungen beugt. Die Leere die bleibt, wenn alles Falsche raus ist. Das Vakuum das das Nicht-nötig-gewesen-sein-müssens ist, als könne sich die ganze Leere so verdichten, dass sie die zarten Häute über den Wunden wölbt als wollte sie diese sprengen.

Wieso ist da Nichts, wo vorher etwas war, fragt Conny.

Weil es nicht wirklich da war.

Das verstehe ich nicht,sagt Conny.

Also, es war wahr und es war wirklich auf eine ganz persönliche Weise, aber es hatte nichts mit der Realität zu tun.

Ich werde darüber nachdenken, sagt Conny.


•∞•∞•


Elisabeth in ihrem Zimmer. Paul auch. Beide sind also wieder da. Hat sich die Zeit gedreht? Die jähe Furcht, es nicht erklären zu können, jagt Insulin durch Lisas Körper. Sie ist erschüttert bis ins Mark, kann es nicht glauben und will es auch nicht.
Ruckzuck schweißnass ohne Worte.


•∞•∞•


28.06.2009

Lisa ist verabredet, sie will an den Strand zum Baden. Im Treppenhaus hört sie einen ohrenbetäubenden Krach und rennt zwei Geschosse tiefer, von dort scheint das Geräusch zu kommen.
Lisa steht in einem riesigen leeren Raum. Er hat keine Fenster, aber die Mauern haben viele Ritzen und Löcher, durch die eine gleißende Helligkeit hereinströmt. Die Lichtstrahlen machen den aufgewirbelten Staub sichtbar und gleichzeitig den starken Luftzug, der quer durch den Raum fegt.
Der Wind hat eine uralte Plakette mit Informationen zu diesem Gebäude von der rechten oberen Raumecke gefegt. Lisa kann die Inschrift nicht entziffern, aber sie weiß, dass es so ist wie es ist und nimmt es an ohne Traurigkeit.


•∞•∞•


Die Nachricht hatte nur den Hinweis enthalten, dass Elisabeth nicht mehr in ihrer Wohnung ist. Lisa hastet die Stufen hoch - alles ist still, niemand ist dort.
Sie hatte es gewusst, geahnt, trotzdem fühlt es sich eigenartig an, wenn wirklich niemand da ist. Zuerst sieht sie in den Kühlschrank, ob dort Verderbliches entfernt werden muss. Insgesamt drei Torten lagern dort, die eine ist von ihr, sie hatte sie selbst gekauft. Elisabeth aß gern Süßigkeiten, besonders Torten. Offenbar hatte sie sie nicht angerührt.
In dem Fach darunter ist eine breiige Brühe und Lisa ist sauer, dass sie nun diesen Scheiss entfernen muss. Dann geht sie ins nächste Zimmer, ganz langsam schweift ihr Blick über die Wände, die Mäbel. Es gibt hier nichts, das sie interessiert. Dann schaut sie wie in einem Ritual alles nacheinander an und ruft laut den Namen. Niemand ist da, um ihr zu antworten, aber es macht sie nicht traurig.






07.06.2008

Lisa ist mit Elisabeth und Paul auf der Flucht vor der Polizei. Paul hat etwas ganz Grauenvolles getan, für das er gesucht wird.
Aber irgendwie hängen sie alle mit drin, keiner kann sich herauslösen. Die Flucht ist ungeheuer anstrengend, mehrfach gelingt es Lisa nur knapp, den Häschern zu entwischen.
Allein wären ihre Chancen besser, aber die Drei sind unlösbar miteinander verbunden. Ständig muss Lisa wachsam sein und Gefahren erspüren.






20.03.2008

Lisa sieht zu, wie eine Frau ein verletztes Huhn auf der Straße fängt. Es verwandelt sich in einen großen zotteligen Hund und dann in ein bärenartiges Tier.
Für das Tier kommt jede Hilfe zu spät. Die Frau redet mit dem Hund/Bär. Warum ist die Frau nicht traurig, weil er sterben muss, fragt sich Lisa und wird von heftigem Weinen geschüttelt.


•∞•∞•


In-Worte-Gewebtes

Die Welt ist eine Illusion und wir ihre Marionetten
hinter der schönen Fassade liegt
was wir fürchten
Leben-als-ob
hinter der Zeit oder
neben der Zeit
um irgendetwas
gegen
die Zeit
zu unternehmen

ist alles nur geliehen






20.07.2007

Lisa lebt in einer anderen Wohnung an einem anderen Wohnort. Sie muss heute zur Vorstellung, es ist 8.20 Uhr, sie muss sich beeilen, um pünktlich an ihrem neuen Arbeitsplatz zu erscheinen.
Sie schaut in ihren Kleiderschrank, um etwas Passendes heraus zu nehmen, doch da hängt ausschließlich helles buntes Freizeitzeug.
Irritiert stellt sie sich Fragen:

Wann muss sie überhaupt dort sein?
Warum weiß sie das nicht?
Mit welchem Verkehrsmittel kommt sie dorthin?
Wo liegt dieser Ort überhaupt und wie heißt er?
Sie kann also noch nicht einmal jemanden fragen, weil sie nicht weiß, wie ihr Arbeitgeber heißt. Wieso hat sie sich nicht rechtzeitig darum gekümmert?

Nun fällt ihre Aufmerksamkeit auf die junge Frau, die mit ihr still und unauffällig die Wohnung teilt.
Sie ist ihre Arbeitskollegin - warum hat sie SIE NICHT EINFACH GEFRAGT ???






14.04.2006

Lisa schaut vom Haus aus in ihren Garten: Alle Bäume und Sträucher sind bis auf Stümpfe abgesägt. Sie ist erschüttert, fassungslos, voll unendlicher Trauer und Angst.
Lisa schaut in Nachbargärten und sieht überall dasselbe Massaker: alle Bäume sind abgesägt. Nachbarn laufen auf der Straße zusammen. Alle spüren, dass von dieser Situation eine grauenhafte Bedrohung ausgeht. Es ist ein Zeichen, dass eine friedvolle Zeit für immer untergegangen ist.
Schnell wird klar, dass sich die Menschheit in Opfer und Baumfrevler (Töter, Hasser, Jäger) aufgespalten hat. Lisa gehört zu den Opfern und als der Terror losgeht, wird sie erbarmungslos gejagt.
Die Jäger bleiben diffus und gesichtslos.






November 2003

Gefängnis

Sie erkennt das Gefängnis als Gefängnis und nicht länger als Kindheitszuhause.
Nun ist das Gefängnis weg, aber auch das Zuhause.

Vier Jahrzehnte war sie beschäftigt mit der Erhaltung der Überzeugung, dass ein satter Häftling ein gutes Leben hat.

Hat er das ???






November-Serie 1999

Es ist ein diesiger Tag, als Lisa mit einem hundeähnlichen Wesen an einen Teich geht. Ein neugieriges Tier,sie führt es an der Leine, lässt diese aber nach einiger Zeit lockerer. Nun zerrt dieses Hundewesen daran, läuft ins Wasser und verschwindet darin.
Lisa bekommt Angst, dass es ertrinkt, und zieht schnell und kräftig an der Leine. Als es wieder auftaucht, hat es vom Teichgrund verwesende Fleischklumpen und blutige Frotteetücher mitgebracht.


Es herrscht Krieg. Lisa ist in ihrer alten Wohnung bei Paul, Elisabeth und Doro. Die Nacht strömt tierschwarze Vernichtung aus, nun kommt ein Luftangriff, Bombendröhnen ist zu hören. Lisa schaut aus dem großen Fenster in die von Treffern erhellte Finsternis und erkennt über den Dächern eine dichte Staffel von Vernichtungsfliegern, von denen sie weiß, daß sie den Weltuntergang verursachen werden.
Ihnen allen bleiben nur noch wenige Sekunden bis zum sicheren Tod. Lisa sieht, dass alle Tränen in den Augen haben.

Lisa sieht frühmorgens eine wunderschöne Badebucht. Sie liegt noch völlig im Schatten, aber schon jetzt wächst in ihr der Wunsch, dort zu baden. Dafür braucht sie ein Handtuch zum Trocknen. Es liegt im Tresor aber Lisa weiß nicht, wo der Schlüssel dafür ist.

Lisa wandert, wie so oft, in ihrer alten Schule umher. Viele Menschen sind dort, aber heute ist sie irgendwie anders mit ihnen verbunden. Einigen schaut sie ins Gesicht. Dies ist ein Flohmarkt für alte Kleidung, keine Lehranstalt.

Ein Anbau an Lisas Haus wird ermöglicht, indem die Geldgeber im Gegenzug die Handwerker auswählen. Diese arbeiten nachlässig und lahm. Lisa bekommt mit, dass sie nur pausieren oder unsinnige Dinge tun. So wird der Fortgang des Neubaues behindert. Als sie das erkennt, tauchen Gefühle von Aussichtslosigkeit und tiefer Trauer auf.

Post an Lisa: unzählige Formate und Ausführungen, viele Malereien von einer Unbekannten. Es sind so viele, es geht so schnell, daß sie nur eines länger betrachten kann: Es ist die Malerei eines Hauses in Blau und Lila und Gelborange und Lisa schaut in ein erleuchtetes Zimmer im Obergeschoß hinein. Darin steht geschrieben: Ich liebe die Sonne=Gott. Lisa versteht nicht. Sie las: Grüß Gott!

Lisas linke Hand ist sehr groß aufgequollen und dick gepanzert durch Federn und Hornschuppen, Talg und Verkrustungen. Als sie mit der Rechten Hand heftiger zu kratzen beginnt, kann sie sichh davon befreien: Lisa kratzt einen großen Teil weg. Aber es sieht ekelhaft aus.

Eine Bucht, ein Holzsteg im Wasser, auf dem sich Lisa ausgebreitet habe. Hohe Wellen drücken vom Meer in die Bucht: Sie werden das Land überschwemmen, denkt Lisa! Auf den Wellenbergen tanzen gewaltig große, scharfkantige Müllteile, die einen Menschen, der getroffen wird, erschlagen können. Hastig sammelt Lisa ihre persönlichen Sachen ein, um sich in Sicherheit zu bringen. Das Wasser tost und steigt rasend schnell.






Februar 1999

Es ist dunkel in den Bergen.
Schemenhaft sind bewaldete Hänge und freie Flächen zu sehen.
Zwischen Bäumen, im Gebüsch, zwischen krautigen Pflanzen, lodern Flammenbündel.
Feuer.
Fest an ihrem Platz befindliche Feuer.
Feuer, die nicht zerstören, nicht verbrennen.
Hunderte.
Alle etwa gleich groß.
Kalt?
Es sind Signalfeuer.
Symbolfeuer.
Es sindJohannifeuer!


•∞•∞•


24.12.98

Lisa beeilt sich halb fliegend, halb den Boden berührend - sehr schnell und sehr angenehm, obwohl sie in Zeitnot ist. Die nahende U-Bahn muss sie unbedingt erreichen. Ihren Rucksack trägt sie vorn, er spendet große Wärme. Ihre Einkaufstasche hat sie unterwegs abgestellt, sie steht noch da, sie nimmt sie jetzt mit. Die Zeit wird knapp.
Fast am Ziel, befindet sie sich plötzlich in einem unterirdischen Gewölbe, von dem aus viele verschlossene Türen mögliche Ausgänge darstellen. Das Gewölbe ist rund, kühl, eng und liegt tief unter der Stadt.
Sie kennt diesen Ort und sie weiß, dass eine dieser Türen direkt in den U - Bahnhof führt. Wenn sie die sofort wiedererkennt, kann sie die U - Bahn noch erreichen. Sie erkennt sie NICHT wieder. Sie öffnet zwei Türen und sieht gemauerte Wände dahinter. Panik steigt in ihr auf.
Eine dritte Tür öffnet den Blick auf vage einfallende Helligkeit, die durch eine gewundene kreisförmige Öffnung fällt, auf glitschig - feuchte, runde Steine fällt.
Lisa meint, sich zu erinnern: Hier müssten Treppenstufen sein - wenn sie die hochhetzt, dann..... Vergeblich - nur runde glatte Steine, keine Treppen, ein Stück dürres Eisengeländer.
Sie MUSS da hochkommen: Mit dem ganzen Körper, mit ihrer ganzen Kraft, schiebt, zieht, drückt sie, hievt sich zentimeterweise hoch. Wie soll sie über den Rand kommen, fragt sie sich.
Ein großer Schwung: mit einer Rolle vorwärts und der Schwerkraft entgegen schnellt Lisa sich über das schwierigste Stück "zurück auf die Erde", an Land.
Ohne Gepäck, den "Zug verpaßt", aber AM LEBEN.


•∞•∞•


17.12.1998

Ein Säugling - ein Junge - ist bei Lisa im Keller. Er würgt. Lisa umfasst ihn und spürt einen dicken Knoten zu Erbrechendes in seinem Körper hoch wandern.
Der kleine Junge neigt den Kopf und erbricht in sein Kleidchen, in den Ausschnitt. Was tun? Lisa geht mit ihm ins Bad, hält ihn ganz fest, und wäscht behutsam und sorgfältig das Erbrochene fort. Lisa spürt die zarten kleinen Lippen und das Wasser auf ihrer Haut, während sie ihm den Mund auswäscht.
Dann das Kleidchen. Nun ist das Kind nackt. Lisa nimmt ein riesiges weiches Tuch, hüllt das Kind darin ein und drückt es fest an sich.
Es geht ihm nun gut. Wie lange stehen sie dort so versunken? Der Vater des Kindes kommt. Lisa berichtet von dem Erbrechen des Kindes und ihrer Hilfe. Hat sie alles richtig gemacht? Der Vater reagiert eher ungehalten - so, als hätte sie übertrieben reagiert.
Nun sieht Lisa, wie sich statt des zweijährigen Jungen ein junger Mann gerade anzieht.


•∞•∞•


Dezember 1998
Kern

Es sei ein ganz wundervoller Gedanke gewesen, sagte sie:
Unaufhaltsam,
unerbittlich,
durch viele Tränen, Schmerzen und Enttäuschungen habe sie hartnäckig und unbeirrt
ihren heilen Kern getragen
bis hierhin.

Fest verschnürt war er und dick verpackt
war er manchmal riesig schwer
zu tragen
Aber nun fühle sie ihn - leicht und schwingend
wie Äther.
Er war
fortgetragen aus dem Bewußtsein.
Tief verborgen unter dicken Lagen von Verzweiflung, Angst und Verbiegung lag er versteckt:
Der heile Kern

Behutsam und sanft
wiegt sie ihn nun in ihren Händen,
betrachtet ihn voll Staunen und voll Liebe,
spürt mit ihren Gedanken
seinen funkelnden Facetten nach.



•∞•∞•


Lisa sieht sich eine Postkarte an. Darauf sind abgebildet:
Berge, Himmel, Bäume, eine freie Fläche (Steppe, Schotterfeld oder Tundra)
Auf einmal verwandelt sich diese kahle Fläche in eine Wasserfläche - in einen wunderschönen See.
Lisa betrachtet fasziniert das Wasser und registriert eine seltsame Bewegung auf der Oberfläche - diese bewegt sich.
Es braucht ein paar Momente, bis Lisa begreift, DASS ES REGNET!!!
Sie sieht über den unteren linken Rand der Postkarte hinweg und erkennt, dass der Regen auch über den Rand hinweg die Realität ergriffen hat - d. h. auch genau dort, wo sie steht, befindet sich der See und es regnet.

Es ist ein dichter, sanfter Regen der Befruchtung.






9.3.98

Lisa ist in einem großen dunklen Wald an einer Weggabelung angekommen. Sie wählt nicht den schräg rechten und nicht den schräg linken Weg - dort laufen Wildschweine - sondern einen schmalen Pfad etwas weiter links.
Sie schaut nach links direkt in einen gähnenden Abgrund, mit Stacheldraht markiert, rechts von ihr erhebt sich urplötzlich eine mächtige kantige Felswand.
Lisa sieht einen hellen Lichtschein in einiger Entfernung von ihr, das von oben kommt. Zögernd nähert sie sich dem Licht und erkennt, dass es Tageslicht ist, und sie selbst ist unter der Erde!
Von oben kommen Menschen zu Lisa herunter, gerade, als sie den Aufstieg durch das enge Schlupfloch wagen will. Diese Menschen gehen den umgekehrten Weg wie Lisa. Irritiert fragt sie sich, welcher Weg nun der richtige ist.
Sie traut sich nicht, den letzten Schritt in die Helligkeit, in die Freiheit zu tun.


•∞•∞•


November 1997

Lisa ist zuhause. Es ist diese Jahreszeit, die wie Winter riecht und schmeckt; eisig kalt und stockfinster.
Es klingelt an der Haustür. Lisa legt die Kette vor und sieht durch den Spion. Vor der Tür steht eine Frau. Lisa öffnet.
Die Frau ist ein paar Jahre älter als Lisa, etwas größer, völlig grauhaarig und ein wenig abgerissen in der äußeren Erscheinung.
Die Frau will etwas von Lisa, aber kein Geld. Sie bettelt nicht um Geld oder Waren. Sie redet. Lisa soll ihr zuhören. Aber sie redet in einer alten vergessenen Sprache. Für Lisa ist es unverständliches Zeug und sie wird ungeduldig.
Die Frau will etwas sagen. Aber Lisa versteht Sinn und Zusammenhang nicht. Ihr ist unwohl, Angst kriecht ihr den Nacken hoch. Ausserdem will sie das, was die Frau sagen will, sowieso nicht hören und verstehen. Das sagt sie dieser, aber die Frau weist auf ihr Bedürfnis hin, gehört und verstanden zu werden.
Lisa wird nun endgültig unwillig und sagt ihr unwirsch, daß auch sie, Lisa, bedürftig sei und Ruhe wolle.
Dann macht sie ihr die Tür vor der Nase zu und schaut durch den Spion.
Die fremde Frau hat die Pforte des Gartentores, den Eingang, offen gelassen und das Tor fest geklemmt, damit es offen stehen bleiben kann.
Sie geht nach rechts über die vielen gelegten Steine zum Einfahrtstor zur Garage, ein Fahrrad schiebend.
Die Gestalt sieht müde aus, geht schleppend.






9.Januar 1997

Lisa geht einen Weg entlang, der eng, schwarz und dann stockdunkel wird.
Schemenhaft sind vor ihr Windungen und Biegungen des Weges wahrnehmbar. Und ganz am Ende ein diffuses helleres Licht.
Lisa spürt, dass sie nicht allein ist: Rechts neben ihr geht dicht ein Mann und sie gerät in Panik, da dicht hinter ihr ein großer Hund herumwuselt. Die alte Angst, gebissen zu werden, lebt auf.
Wie in Zeitlupe dreht sie sich, um nach hinten zu schauen: Zwei pechschwarze Gestalten gehen dicht hinter Lisa. Ihnen gehört der Hund, der versucht, sie in die Fersen zu beißen.
Lisas Füße haben den Bodenkontakt verloren, sie scheint zu schweben. Trotzdem kommt sie voran, ganz langsam, aber ihre Angst bleibt.


•∞•∞•


Es ist das absolute Nichts, sagt Conny.

Und sie hat da nicht nur einen Moment mit hinein gesehen in den Abgrund dessen, was sich kaum beschreiben lässt - ES WAR IHR ALLTAG. JEDE STUNDE JEDE WOCHE JEDES JAHR.

Manchmal sagte sie:
"Ich laufe, und weiss nicht, warum.

Ich ängstige mich und weiss nicht wovor.

Ich wüte und nie erreicht mein Zorn den, dem er gilt.

Ich fühle mich verfolgt und bedroht und kann nichts benennen außer Augen, Spott und Kreischen.

Ich verbrenne vor Sehnsucht und kann das Ziel doch nie benennen.

Ich suche und suche und suche - was, weiss ich nicht. Und komme ich an, so ist da nicht mehr das, nach dem ich mich verzehrte.

Ich schreie und es kommt kein Ton, denn keiner darf davon erfahren."

Dieses Nichts ist absolute Einsamkeit in einer nicht beschreibbaren Qualität - es ist allumfassend in seiner unausdrückbaren Entsetzlichkeit .



•∞•∞•


Es ist Winter und frühmorgens. Lisa und Leo sind in getrennten Autos unterwegs. Leo fährt vor, Lisa dahinter. Andere Autos schieben sich zwischen sie, aber Lisa versucht, nicht den Anschluß zu verlieren. Das Auto vor ihr wird immer langsamer, der Fahrer winkt. Lisa begreift: sie soll überholen. Ihr ist unwohl, sie sieht sich um, es ist alles frei, und sie überholt.
Aber Leo ist nicht mehr zu sehen. Sie kennt nur die ungefähre Richtung: geradeaus und leicht rechts.
Großstadtverkehr - die erste Kreuzung schafft sie noch, bei der zweiten biegt sie rechts ab, es geht aber rechts und dann wieder zurück. Über einen Fußgängermarktplatz, über ein vereistes Rondell hinweg zu einem von Pollern begrenzten Parkplatz. Lisa brettert zurück über den Marktplatz mit einem viel größer gewordenen Eisrondell, fährt in eine Einbahnstraße in verkehrter Richtung. Egal. Nur Leo finden.
Lisa überlegt, ob Leo schon nach ihr sucht, und wenn, wie und wo sie sich treffen können? Jetzt fährt sie an den Hauptplatz des Vorortes, der von Geschäften umrahmt ist. Klar und frei ist alles noch, denn es dämmert gerade.
In einer kleinen Parfümerie fragt sie nach Leo. Draußen auf dem Platz sieht sie am anderen Ende des Platzes Leo bei einem Weihnachtsbaumverkäufer nach mir fahnden.






Dezember 1996

Alles ist Dunkelheit - Nacht.
Lisa ist in ihrer Geburtsstadt, steht mit dem Rücken zur alten Sparkasse und blickt Richtung Dampferanlegestelle, dort, wo sie als Kind jede Holzbohle und jeden Stein gekannt hatte.
Lisa erkennt im schwachen kalten Licht der Laternen das winzige Gebäude, in dem in ihrer Kindheit im Sommer Eis verkauft wurde. Von rechts kommen über die Brücke der Schwentine Panzer gefahren - eine ganze Kolonne.
Amüsant findet Lisa das, spürt aber gleichzeitig eine seltsame Gefahrenspannung.
Auf einmal sind, wo sie vorher allein stand, viele Menschen, die hektisch etwas suchen.
Lisa entschließt sich, einen der Menschen zu fragen, was los sei, denn sie gucken auch in dunkle Hauseingänge.
Es sei ein gefährliches wildes Tier ausgebrochen, kriegt sie zur Antwort, nachdem der Panzer zwei Mal geschossen hat.
Jetzt ist die Angst rasend schnell da.






1995

Ich lese ihre Gedanken, SIE ist ungeduldig:
"Höre ich nur das, was ich hören WILL?"

Er macht ihr klar, dass sie vielleicht nicht wirklich WILL, dass ihr geholfen wird, weil sie ahnt, daß der Weg einer Veränderung lang, hart und unangenehm sein kann.





Mai 1992

Lisa stand vor folgender Entscheidung: Die Welt konnte in jetziger Form nicht bestehen bleiben. Es gab zwei Möglichkeiten:
Unsere Zivilisation würde komplett mit allen technischen Errungenschaften und sozialen Problemen in die Urzeit zurück transferiert, hätte sich dann aber sämtlichen damaligen Umweltbedingungen wie Wetter, Flora, Fauna, unterzuordnen.
Oder: Die Welt würde in eine ferne Zukunft transferiert, hätte die Chance der sozialen und moralischen Verbesserung, müsse das aber in der Ungewissheit tun, nicht zu wissen, was in welcher Hinsicht auch immer auf sie zukäme. Lisa hatte den Schlüssel zur Entscheidung in der Hand. Es war ein Zünder...
Lisa allein musste diese Entscheidung treffen. Sie hat gründlich überlegt und dann den Zünder auf "Zukunft" eingestellt.
Veränderungen beginnen und Lisa beobachtet gespannt. Das Boot, in dem sie selbst plötzlich stand, wurde von einem Fisch mit der Leine am Poller festgemacht. Nun waren plötzlich fremde neue Fischarten da, die den "Leinenfisch" irritierten. Lisa hatte Angst, dass sie ihn fressen, aber das taten sie nicht.
Auf einmal lief ihr ein Kind mit einer Tomate entgegen. Aber diese Tomate war fremd, sie war groß wie ein Wasserball. Das Kind reichte sie Lisa. Und sie griff zu und biss zögernd hinein. Die Frucht schmeckte tatsächlich nach Tomate und sogar noch besser als die Tomaten "früher".
Lisa war beruhigt.






April 1992

Lisa sah zum Himmel und suchte die Sterne, aber es gab keine.
Der Himmel schien überzogen von einer ekelerregenden schwarzockerfarbenen Schicht. Eine erdrückende bedrohliche Stimmung, aus der es kein Entkommen gab.
Zur einen Seite öffnete sich der Horizont, zur anderen reichte der Himmel herunter zur Erde. In diese Richtung ging Lisa.
Es wurde immer enger und bedrohlicher, aber Lisa konnte ihren Weg nicht selbst bestimmen, sie ging wie im Zwang. Schon bald konnte sie den "Himmel" ertasten. Es war gar kein Himmel. Sie griff in eine poröse, trockene, gelblich - graue Masse, die sich herausbröseln ließ und riss Brocken dort heraus. Aber Lisa fand nicht heraus, WAS es war.

An der Stelle, an der Himmel und Erde zusammenfanden - unerreichbar weit entfernt - stand ein uraltes verfallenes Gebäude. Als dieses abgerissen wurde, kam der "echte" Himmel zum Vorschein:

Tausende Sterne glitzerten, Lisa war überwäligt vom Anblick und dem befreienden Gefühl.










Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst,
was weißt du von meinen Schmerzen die in mir sind,
und was weiß ich von deinen?
Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen, und erzählen,
was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.
Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig so nachdenklich stehen,
wie vor dem Eingang der Hölle.

Franz Kafka










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